Claudina
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Bewegung & Verwandlung – Getanzte SchleierSkulpturen

Online-Version des Printartikels in der HALIMA Fachzeitschrift, 2/2015, S. 48-53, ISSN 0938-0620#Schleiertanz #Veil #Dance #Serpentinentanz #Fuller Loie Fuller Schleiertanz Serpentinentanz

Seit 1990 ist der Tanz mit Schleier meine Passion.

Bei Recherchen zum Ursprung dieses Tanzes begegnete ich der Pionierin Loie Fuller, deren Serpentinentanz mich sofort verzauberte.

Anläßlich des 150. Geburtstags von Loie Fuller, 2012, choreografierte ich eine Hommage an Loie Fuller und veröffentlichte eine Technik-DVD zum Schleiertanz.(13)

Loie Fuller:

Marie Louise Fuller wird 1862 in Chicago geboren und beginnt ihre Karriere als Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin an Burlesque- und Vaudeville-Theatern.

In New York, 1892, zeigt sie erstmals ihren Serpentinentanz und erschafft damit das erste multimediale Gesamtkunstwerk aus Licht, Bewegung und Musik.

Nach einer sehr erfolgreichen Tournee durch Europa, zieht sie Ende 1892 nach Paris, wo sie bis 1899 am Varieté-Theater Folies Bergères tanzt. Ihre Solo-Choreografien inspirieren Künstler und Intellektuelle gleichermaßen.

 

 

 

 

Innovativ ist, neben ihrem selbst entworfenen und patentierten, überdimensionalen Schleier-Kostüm, ihr Einsatz von farbigen Bühnenlicht-Effekten und laterna-magica Projektionen, sowie ihre natürliche, individuelle Bewegungs- und Improvisations-technik, womit sie den Tanz aus den Zwängen der strengen, stilisierten Ballett-Technik und Choreografie befreit.

Die Ideale des klassisch-akademischen Balletts: "Überirdische Leichtigkeit" und "Körperlosigkeit" werden in Loie‘s Tänzen dennoch, aber auf ganz neue und besondere Weise "real", bspw. im "Mirror Dance", in dem die Tänzerin zwischen den, über und unter ihr platzierten, Spiegelflächen zu schweben scheint.

In ihren Performances steht nicht mehr die Tänzerin mit artistisch präzisen und kodifizierten Ballettbewegungen im Vordergrund, sondern emotionale Expressivität, die Ästhetik des Lichts und das Tanz-Requisit, ein riesengroßes Schleierkostüm aus sehr dünnem weissen Seidenstoff, in dessen wirbelnden Stoffmassen der Körper der Tänzerin fast völlig verschwindet.

Mittels fliessender Wellen- und Kreisbewegungen der weit ausgestreckten Arme, sowie geschmeidiger Oberkörperbewegungen und vieler Drehungen und Gegendrehungen des Körpers durch den Raum führt Loie den leichten Seidenstoff ihres Kostüms in immer neuen Spiral-Formen um sich herum und zaubert dreidimensionale abstrakte Bilder auf die Bühne:

"Wolken", "Feuer", "Himmel", "Schmetterling", "Lotus" . . . , "Furcht", "Tod", . . . "Spiegel", "Ultraviolett" . . . nennt sie ihre Tänze.

"Affekte und Gefühle finden einen entsprechenden Ausdruck in Formen der Natur. Sei es das Flattern von Schmetterlingen, der Rhythmus von Feuer und Wasser und die Formen der Wolken, die durch einen ins abstrakte tendierenden gestalteten Tanz diese Empfindungen versinnbildlichen." (5)

Der Poet S. Mallarmé beschreibt Loie Fullers Tanz als "theatrical form of poetry par excellence". (12)

Künstler, Schriftsteller und Poeten der damaligen Zeit lieben ihren Tanz, der mit seinen fließenden und geschwungenen Linien ganz der Formensprache des Jugendstil entspricht.

Mit dem Maler Henri Toulouse-Lautrec, dem Bildhauer Auguste Rodin und vielen anderen bildenden Künstlern ist Loie befreundet.

 

 

 

 

Ihr "Schleier-Tanz" ist ein beliebtes Motiv auf vielen Plakaten und Skizzen, sowie für Skulpturen und das Interior Design um 1900.

Loie Fuller nutzt und entwickelt gezielt die Errungenschaften ihrer Zeit weiter:

Ein neues Körperkonzept, das System natürlicher Bewegungs- und Ausdruckskultur des Schauspielpädagogen Delsarte beginnt sich seit 1860 langsam zu etablieren.

Mit offenen Haar, in lockerer Kleidung und barfuß tanzt Loie ihre freien und natürlichen Bewegungen, die Impulsgeber ihrer, den Tanzkörper verschlingenden, "Szenographien aus Licht und Textil". (8)

"Als Reaktion auf die gesellschaftliche, technische und ästhetische Umbruchphase zu Beginn des 20. Jh." wandelt sich das Tanzkonzept vom "technisch-disziplinierten Regelvollzug zum energetischen Ausdruck innerer Erfahrungen." (6)

Für Loie und viele ihrer Zeitgenossen ist die Natur die Quelle ihrer Inspirationen.

1899 veröffentlicht der Zoologe, Philosoph und Freidenker Ernst Heckel erstmals seine "Kunstformen der Natur", eine Tafelwerk der Natur-Ästhetik, das die Kunst zu Beginn des 20. Jh. beeinflusst.

Die Glühbirne, erstmals 1841 patentiert, wird von Edison verbessert und geht Ende des 19. Jh. in die Serienfertigung. Stetig wird an der Entwicklung neuer Beleuchtungs-quellen gearbeitet.

Loie experimentiert mit verschiedensten Leuchtmitteln, mit komplett abgedunkelten neutralen Räumen und mit Licht- und Schatteneffekten:

Ausgefeilte Beleuchtungstechniken, farbiges Licht, Konstruktionen aus Spiegel- und Glasflächen, die Licht und Projektionen gezielt lenken, sind das Kennzeichen ihrer neuen Bühnenkonzepte und lassen sie zur "Magierin des Lichts" werden.

In ihren Performances ersetzt ein gut durchdachtes Beleuchtungsprogramm das gemalte Bühnenbild.

"Sie tanzt auf durchsichtigen Böden, die von unten beleuchtet werden. Sie tanzt zwischen hintereinander gehängten Gazevorhängen. Sie tanzt im Spiegelkabinett . . ." (8)

Loie ist Mitglied der Astronomischen Gesellschaft und befreundet mit vielen Ingenieuren und Wissenschaftlern, so mit Edison, der ihr die neusten Ergebnisse auf dem Gebiet des künstlichen Lichts erklärt, des weiteren mit dem Astronomen Camille Flammarion, der die Wirkung der Farben auf das organische Leben und die menschliche Psyche erforscht, wie auch mit der Physikerin Marie Curie, die im Rahmen ihrer Forschungen die chemischen Elemente Polonium und Radium entdeckt.

1904 stellt Loie ihren neuen "Radium Dance" vor, der durch den Einsatz fluoreszierender Substanzen, mit denen sie ihr Serpentinenkostüm bemalt hat, Originalität erhält. (11)

 

 

Das Kostüm des Serpentinentanzes basiert auf der Tradition des "Skirt Dance", einem Tanz, in dem die Tänzerin ihren langen, weiten Rock elegant zum Rhythmus der Musik bewegt und ihren Körper dabei "in Szene setzt".

Der "Skirt Dance" ist Ende des 19. Jh. in Amerika und Europa sehr beliebt, hier insbesondere in den Burlesque- und Vaudeville-Theatern, in denen auch Loie zu Beginn ihrer Karriere als "Skirt-Dancer" auftritt.

Das Foto oben links zeigt Loie Fuller 1892 in einem ihrer Serpentinenkostüme in einer typischen "Skirt Dance"-Pose.

Die Rockform ist noch gut zu erkennen. Der Rock sitzt jedoch schon oberhalb der Hüfte, also wesentlich höher als beim "Skirt-Dance" und ist viel weiter geschnitten und aus transparentem, sehr leichten Seidenmaterial gefertigt.

Loie‘s erster Serpentinentanz entsteht 1891 in Zusammenhang mit einer Theaterszene, in der sie eine junge Witwe spielen soll, die hypnotisiert wird.

Bei der Suche nach einem passenden Kostüm für diese Szene des Kontrollverlustes entdeckt sie in ihrem Fundus einen indischen Rock aus dünnem weissen Seiden-material.

Aus der Not heraus wählt sie diesen Rock aus, da sie sich kein anderes Kostüm leisten kann.

Da der Rock ihr jedoch viel zu gross ist, muss sie ihn beim Laufen mit beiden Armen hoch halten.

Loie schreibt in ihrer Biografie, dass die Zuschauer der Hypnotisierungs-Szene begeistert rufen "It‘s a butterfly!" und "It‘s an orchid!" und sie erzählt weiter " . . . I obtained a spiral effect by holding my arms aloft while kept whirling, to right and then to left, and continued this movement until the spiral design was established. Head, hands and feet followed the evolutions of the body and the robe. . . . You have to see it and feel it. It is to complicated for realization in words."(1)

Auf der Grundlage dieser Entdeckung entwickelt sie ihr innovatives aus, bis zu 450 m, Seidenstoff bestehendes Serpentinen-Tanzkostüm. (4)

Das 1894 in den USA patentierte Schnittmuster dieses Tanzkostüms entspricht dem eines überdimensionierten Rockes; ein Kreis aus mehrere Meter langen, konisch zulaufenden Seidenstoffstreifen, der nicht auf der Hüfte oder unterhalb der Brust, sondern mit einem Aluminiumring versehen wie eine Krone auf dem Kopf befestigt wird.

Um die immensen Stoffmassen (die bei einigen ihrer Kostüme bis zu 3 m weit um sie herum schwingen) ausbreiten und in Bewegung halten zu können, verlängerte Loie die Arme der Tänzerin mittels, in das Kostüm eingenähte, für den Zuschauer unsichtbare, Stäbe aus Aluminium oder Bambus.

Diese "Zauber-Stäbe" werden mit den Händen gehalten und durch die Bewegung der Arme geführt:

 

 

 

 

Es entstehen getanzten Skulpturen aus Seidenstoff, die zu immer neuen Formen metamorphosieren.

Für ihre Performances gestaltet Loie Fuller immer detaillierter die Elemente Musik, Bewegung, Licht, Farbe und Raum.

Ihr Schleierkostüm wird dabei zu einer bewegten Leinwand für Lichteffekte und Bild-Projektionen, wie bspw. Fotografien vom Mond oder Mikroskopaufnahmen von Krebszellen. Der Tanz wird so zu einem "bewegten Bild".

In "Le Firmament" lässt sie Sterne, Mond und Wolken auf ihr Kostüm projizieren und die abstrakte Landschaft in der sie tanzt, wird auf einen transparenten Gazevorhang im Bühnenvordergrund projiziert.

In anderen Performances sind es Projektionen von brennenden Häusern, Explosionen, Lokomotiven u.ä.

"Von der Kinästhetik der Loie ist es nur ein kurzer Weg zur Kinematographie. Aber erst 1919 . . . wendet sich Fuller dem Kino zu".

Ihr erster Film "Le Lys de la vie" zählt unter Cineasten zum "cinema pur". Sie arbeitet u.a. mit innovativen Zeitraff- und Zeitlupeneffekten. (8)

 

 

 

 

1893 lässt Loie ihr Kostüm, sowie ihre "Bühnenvorrichtung zur Erzeugung von Illusions-effekten" zum Schutz gegen Nachahmerinnen in Frankreich und Großbritannien, 1894 dann auch in den USA, patentieren.

Dennoch gibt es allein in Paris mehrere Tänzerinnen, die Serpentinentänze im Stil der Loie Fuller aufführen.

1908 gründet Loie in Paris ihre eigene Tanzschule und feiert mit ihrem Ensemble weltweit grosse Erfolge. Ein Team von Ingenieuren und Technikern unterstützt sie bei ihren immer ausgefeilteren Licht-Choreografien.

Bis zu ihrem Tode am 1. Januar 1928 unterrichtet sie an ihrer Tanzschule, organisiert Touneen für ihre Schülerinnen und fördert Tänzerinnen, wie Isadora Duncan.

Ihre Ideen sind wegweisend für die Entwicklung der Bühnen- und Beleuchtungs-technik im Theater und Kino, sowie für die Entwicklung des modernen Tanz.

Trotz ihres großen Einflusses gerät Loie Fuller als Person zunächst in Vergessenheit. Erst Ende des 20. Jh. flammt das Interesse an ihr und ihrem Werk wieder auf.

 

 

 

 

Es gibt heute eine Vielzahl an Videoclips , die alte Filmaufnahmen von Loie Fuller zusammenstellen, bzw. künstlerisch verarbeiten, daneben neuere Performances, die als Tribut an Loie Fuller entwickelt wurden und werden.

Die Tänzerin und Choreografin Jody Sperling ist ein wundervolles Beispiel für sehr gelungene Serpentinentanz-Performances in der heutigen Zeit.(9)

Der Tanz mit dem Serpentinenkostüm erfordert ein gutes Aufwärmen und regelmäßiges Training der Arm- und Oberkörpermuskulatur, sowie Drehfestigkeit.

Je leichter und dünner das Seidenmaterial des Kostüms ist, umso weniger Kraftaufwand wird erforderlich die Drehungen auszuführen und "Schleier-Bilder" in die Luft zu malen.

Ein sehr leichtes Material "steht" besser in der Luft, braucht jedoch Zeit und Ruhe zu seiner Entfaltung.

Mit etwas Übung gelingt es die immensen Stoffmassen ohne "Knotenbildung" frei im Fluss zu halten und stets mit genau der richtigen Energie die Impulse zu setzen, die in den Seidenstoff fliessen.

Meiner Erfahrung nach, kann der Serpentinentanz mit all seinen Drehungen, Wellen-, Kreis- und Spiralbewegungen und seinem, über den Körper hinusgehenden, Flow, sehr meditativen Charakter haben, wodurch Assoziationen zu den Drehbewegungen der Derwisch-Tänze entstehen.

In der orientalischen Tanzszene ist seit ein paar Jahren ein, dem Serpentinentanz ähnlicher, Tanz mit großen, an Bambusstäben geführten, plissierten Schleierflügeln sehr beliebt: der Tanz mit Isis-Wings.

 

 

 

 

© 2015 Claudina

 

Verwendete Literatur:

1. Loie Fuller: Fifteen years of a dancers life, London 1913, S.18

2. Patent US No. 518,347. Patented Apr. 17, 1894, M. L. Fuller, Garment for Dancer

3. Erin Branningan: La Loie as Pre-Cinematic Performance, Octobre 2003

4. Sally Sommer: Loie Fuller, The Drama Review, Vol. 19, No. 1, March 1975

5. Evelin Dahm: Ohne Korsett und Spitzenschuh: Loie Fuller und Isadora Duncan auf dem Weg zu neuen Tanzformen, Magisterarbeit, 2006, S.9

6. Kerstin Andermann, Undine Eberlein (Hrsg.): Gefühle als Atmosphären: Neue Phänomenologie und philosophische Emotionstheorie, Berlin 2011, S. 148

7. Richard Nelson Current & Marcia Ewing Current: Loie Fuller, Goddness of Light, Mai 1997

8. Petra Bahr: Loie Fuller, Grenzgängerin des Tanzästhetischen, in Magazin für Theologie und Ästhetik 2, 1999, S. 2-6

9. Jody Sperling: Loie Fuller (1862-1928), Dance Heritage Coalition 2012

10. Playlist zum Serpentinentanz / Schleiertanz

11. Los Angeles Herald, Volume XXXI, Number 215, 1 May 1904, Loie Fuller Introduces New Radium Dance

12. Stephane Mallarme, Divagations, Les Fonds dans le ballet, Autre Etude de Danse, 1897, (S.179-182), S. 180

13. Review / Rezension DVD Calligraveil

Fotos: M. Obendorf und freigegebene Aufnahmen / © 2015 Claudina

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